Potosí - Hotspot der Kinderarbeit 

Elias (12) arbeitet in einer der Minen des Cerro Rico. Die Stollen sind eng und marode. Er arbeitet am Bohrhammer und befüllt Bohrungen mit Dynamit. Alles Arbeiten, die für Kinder verboten sind, auch in Bolivien.  Gut findet er, dass er mehr  verdient als über Tage,  umgerechnet fast 20 Euro pro Nachtschicht. Sein Traum: Mit dem Geld will er später mal studieren, wenn er solange durchhält. Denn jeden Tag verunglückt einer der 18.000 Bergleute Potosís tödlich. "Hier unten überlebst du, oder du stirbst." 

Für Ana Rosa (13) gibt es zu viele Kinderarbeits-Klischees.

„Geht doch zur Schule- lernt anstatt zu arbeiten!“ Mit dieser Haltung werden die Vertreter der arbeitenden Kinder oft konfrontiert. Besonders, wenn sie auf Menschen treffen, in deren Ländern die Kinderarbeit bereits vor vielen Jahren durch gestiegenen Wohlstand überflüssig gemacht wurde. In Potosí gibt es derzeit 614 organisierte arbeitende Kinder. Davon gehen 613 auch zur Schule und liefern oft überdurchschnittliche Leitungen ab. Tatsächlich müssen viele Kinder in Bolivien gerade arbeiten um ihre Schulbildung zu finanzieren (Schuluniform, Fahrtkosten, Büchergeld, etc.). Die ein bis drei Stunden Arbeit am Tag sind heute von existenzieller Wichtigkeit. Aber ohne die Schule, sagt Ana Rosa, würde sie ihre Zukunft verspielen. "Wenn die unbedingt wollen, dass wir nicht arbeiten, müssten sie uns allen auch alles zahlen."



Reiches, armes Potosí

Potosí wird vom Cerro Rico beherrscht, der mit seinen 4800 Metern die Stadt überragt. Ein großer Teil des Silbers, das heute auf der Erde im Umlauf ist, stammt aus diesem Berg. Seit 500 Jahren wird er nun durchlöchert. Über eine Million Menschen sind im Berg gestorben. Die staatliche Minengesellschaft hat vor 30 Jahren dichtgemacht, weil der Bergbau nicht mehr rentabel war. Die Arbeiter machten weiter und teilten die Claims in Genossenschaften auf. 18.000 Bergleute gehen täglich in die einsturzgefährdeten Stollen hinunter, um die letzten Reserven an Zinn, Silber und Zink aus dem Felsen zu kratzen; darunter sind auch viele Jugendliche und Kinder, obwohl deren Arbeit unter Tage streng verboten ist. Durchschnittlich jeden Tag gibt es im Cerro Rico einen tödlichen Unfall.



Das neue Kinderarbeitsgesetz 

2014 verabschiedete das Parlament ein neues Kindergesetz, das Kinderarbeit ab 10 Jahren legalisiert. Das ist ein offener Verstoß gegen das Völkerrecht, insbesondere verletzt es die  Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gegen Kinderarbeit. Die ILO hat Bolivien deswegen verurteilt und einige Mitgliedsstaaten der UN diskutieren darüber, ob sie gegen Bolivien ein Handelsembargo verhängen. Präsident Evo Morales findet , dass die Haltung der ILO "westliche Arroganz" widerspiegelt. Kinder  hätten ein "Recht auf Arbeit" . Kinderarbeit sei in der indigenen Kultur verwurzelt, sie mache Kinder stark und unabhängig. So sehen das auch viele der organisierten Kinderarbeiter des Landes. Sie hoffen, dass sie besser geschützt sind, wenn ihre Arbeit legal ist und sie Arbeitsausweise bekommen. Das mag schon sein, aber drei Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes sind viele der arbeitenden Kinder Boliviens noch nicht einmal registriert worden. 




Verbote und Gesetzestexte alleine helfen nicht, die Lage der arbeitenden Kinder zu verbessern. Die bolivianischen Kinderarbeiter gehen aktiv auf die Straße (oder wie hier in das Rathaus von Potosí) um für die Anerkennung und Achtung ihrer Arbeit zu demonstrieren. Nur wenn sie als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert weden, wird sich auch an ihrer Misere etwas ändern. Seit der Legalisierung von kindergerechter Arbeit können sie schon viel lauter für ihre Rechte einstehen und auf Missbräuche hinweisen. Trotzdem liegt noch ein langer Weg vor der Bewegung.

Lourdes Cruz  hat die  Kindergewerkschaft CONNATSOP im Jahr 2013 vertreten, als arbeitende Kinder aus dem ganzen Land mit Präsident Morales ein neues Kindergesetz aushandelten. Heute ist sie enttäuscht von ihm:  "Sie  haben uns wahre Wunder versprochen: Mit dem Gesetz wird alles gut,  Kinderschutzbeauftragte werden jedes Kind einmal im Monat am Arbeitsplatz besuchen. Das war wie ein Traum. Aber jetzt sind wir aufgewacht und sehen, was dabei herausgekommen ist: nichts. Wenn wir nachhaken, heißt es: Wir haben kein Geld, kein Personal.  Keines der versprochenen Schutzrechte ist bislang in der Praxis umgesetzt worden."